ende oktober 1989
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Oct 25, 2007
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by r_leube
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Egon Krenz droht der Kirche mit der Grenzöffnung
Der Vorsitzende der Konferenz der Evangelischen Kirchenleitungen in der DDR, Dr. Leich, beglückwünschte am 19. Oktober den Genossen Egon Krenz auf Schloß Hubertusstock zur Wahl zum Chef des insolventen Unternehmens „D.D.R.“. In der Pressemitteilung danach hieß es: „Beiderseitiges Einverständnis wurde dahingehend festgestellt, daß der Dialog nicht durch unbedachte Handlungen, deren Auswirkungen unabsehbar sein können, gestört, gefährdet oder gar unmöglich gemacht wird.“ Damit dürfte gemeint gewesen sein, dass Egon Krenz in dem Gespräch mit dem Bischof seine Absicht angekündigt hat, die Mauer aufzumachen, um Druck aus dem Dampfkessel zu lassen. Was sollte Bischof Dr. Leich eventuell sonst mit unbedachten Handlungen gemeint haben können? Dass Egon Krenz damit gedroht hat, in den Westen abzuhauen?
Es wurde besprochen, was sich in der DDR ganz schnell tun musste: „Die Kirche fühle sich verpflichtet, »ihren Auftrag als Kirche hier in unserem Land, das ein sozialistisches Land ist, auszuführen.« [...] Die Kirche hat schon immer versucht, die Situation zu entspannen und zur Besonnenheit aufzurufen.“ Dafür war die Staatsführung allerdings über Jahrzehnte blind gewesen. Mir kam das an der Basis in Jena schon in den achtziger Jahren recht seltsam vor. Und andere fanden das lange vor mir bemerkenswert. Aber es ist erfreulich zu hören, dass ein kirchlicher Würdenträger den Herrn Staatschef darauf hinweist, dass er ein sozialistisches Land lenkt und leitet. Hören Sie nur: „hier in unserem Land, das ein sozialistisches Land ist, . . .“ Für die Schafe der eigenen Gemeinde bedeutete das leider in vielen Fällen Einschränkungen der Religionsfreiheit, aber was soll's.
Alle fahren los und wollen Unsere Schöne DDR retten
SPD-Vertreter fuhren Ende Oktober zu vertraulichen Gesprächen mit Vertretern des ZK der SED nach Ost-Berlin und „200 Experten der DDR und Niedersachsens“ diskutierten seit dem 19. Oktober „in Wolfenbüttel die Entwicklung der Wirtschaftsbeziehungen zwischen DDR und BRD.“ Vielleicht wurde Dr. Kohl ja darüber einfach nicht informiert.
„Für die Entwicklung von Kontakten zwischen den Parlamenten der DDR und der BRD setzten sich am Freitag [dem 20. Oktober] der 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Dresden, Hans Modrow, und der FDP-Fraktionsvorsitzende im BRD-Bundestag, Wolfgang Mischnick, ein. […] Jegliches Reden von einem Deutschland in den Grenzen von 1937 sei kein Angebot und könne nicht Gegenstand der Politik sein. Weitere Übereinstimmung bestand über den Ausbau wirtschaftlicher Beziehungen, vor allem von mittelständischen und kleineren Betrieben, die von seiner Partei insbesondere vertreten werden, fügte Mischnick hinzu.“ Deutschland in den Grenzen von 1937 war aber kein Angebot sondern der gültige Rechtsstandpunkt der BRD und wurde auch zu keinem Zeitpunkt x zwischen 1937 und 1990 abgeändert.
In der vorübergehenden Hauptstadt Bonn fand Ende Oktober eine Pressekonferenz statt. Darüber schrieb des Neue Deutschland in Ost-Berlin: „Die DDR wird nach Überzeugung des Regierenden Bürgermeisters von Berlin-West, Walter Momper (SPD), an den Absichten festhalten, ihre Politik der Kooperation und guten Nachbarschaft zu bewahren und fortzusetzen. [...] Er sei zu einem Gespräch mit Egon Krenz bereit - so schnell wie möglich. [...] Mögliche Themen: u. a. Probleme des ökonomischen und kulturellen Austausches. [...] Der neugewählte Bundesratspräsident bekräftigte seinen Standpunkt zur Abschaffung der Erfassungsstelle Salzgitter.“ In seiner Regierungserklärung vor dem Abgeordnetenhaus sagte er: „Berlin-West müsse die Politik gegenüber der DDR und den sozialistischen Ländern neu bestimmen, sagte der Regierende Bürgermeister der Stadt, Walter Momper. [...] Die Stadt müsse Abschied nehmen von Verhaltensweisen aus der Zeit des kalten Krieges. [...] Die deutsche Frage dürfe kein Stolperstein auf dem Weg zu einer europäischen Friedensordnung sein. [...] Dieser Prozeß dürfe auch nicht durch eine überflüssige und in die Sackgasse führende Wiedervereinigungsdiskussion verschleppt werden. Es seien durchaus mehrere Staaten deutscher Zunge denkbar. Die Zentrale Erfassungsstelle in Salzgitter sei heute überflüssiger denn je und gehöre sofort aufgelöst, betonte Momper.“
„Reisemöglichkeiten - was wir wollen und wer sich quer legt.“ titelte das Neue Deutschland aus Ost-Berlin am 21. Oktober und schrieb: dazu: „Bleibt zu sprechen über das Hindernis. Es wurde in Bonn errichtet. Es besteht in der Nichtrespektierung der Staatsbürgerschaft der DDR. [...] Trifft es zu, daß realistisch denkende Leute am Rhein das zu begreifen beginnen und überlegen, wie man von der »Obhutspflicht« wegkommen kann? Es wäre zeitgemäß und sehr gut.“
Egon Krenz droht Wolfgang Mischnick mit der Grenzöffnung
Auch Wolfgang Mischnick aus der FDP-Führung sprach am 24. Oktober in Ost-Berlin mit Egon Krenz. Im Unterschied zu Walter Momper war der Herr Mischnick nun kein Vertreter der Opposition, sondern der Koalitionspartner von Helmut Kohl. Wolfgang Mischnick, der aus der Stadt Dresden stammt, sagte bei der anschließenden Pressekonferenz: „Das Wichtigste bleibe in der Tat, daß von deutschem Boden Frieden ausgehen müsse. Auch das Festhalten an der Vertragspolitik stehe außer Frage. [...] Es sei von allen Seiten betont worden, daß das auf dem Boden der DDR-Verfassung geschehe, das heiße auf dem Boden des Sozialismus. [...] Verständlicherweise habe keine der acht bisherigen Reisen von FDP-Delegationen in die DDR eine so große Aufmerksamkeit erregt wie diese, sagte er. [...] W. Mischnick äußerte, bei dem Problem Obhutspflicht ja oder nein gebe es unterschiedliche Standpunkte. Wir haben unser Grundgesetz, die DDR hat ihre Verfassung, erklärte er. Es gelte jedoch, den praktischen Weg zu finden und sich nicht in grundsätzlichen Diskussionen zu verfangen.“
Bis dahin klang Mischnick sehr koordiniert. Als ihm dann aber ein Journalist eine eigentlich lustige Frage stellte, verlor er überraschend die Contenance: „Ob er wisse, ob sein Partner Skat spielen könne, wurde Wolfgang Mischnick weiter unter allgemeiner Heiterkeit gefragt.“ Da vergaß sich der ehemalige Ossi: „Wer Skat spielen kann, der kann auf jeden Fall bis drei zählen, kann beim Reizen bis ins Unendliche gehen, ist in der Lage, aus einem schlechten Blatt noch ein gutes zu machen. Aber er muß aufpassen, daß er nicht nur auf den Skat reizt. Das kann dann bedeuten, daß man neben der Sache steht. Wer das als Politiker alles behauptet, der ist schon ganz gut dran.“
Also hatte Egon Krenz zu ihm, wie auch offenbar schon zu Bischof Dr. Leich gesagt, dass er gedachte, die Mauer aufzumachen, zumal Krenz daraufhin sagte: „Ich traue mir noch zu, aus einem schlechten Blatt ein gutes zu machen. Ansonsten ist mir das Laufen lieber als das Skatspielen, weil man da in Bewegung ist, und die Politik braucht Bewegung.“
In den Stunden nach der Abreise von Mischnick jedenfalls „wurde die Empfehlung an den Ministerrat der Deutschen Demokratischen Republik bekräftigt, den Entwurf eines Gesetzes über Reisen von Bürgern der Deutschen Demokratischen Republik nach dem Ausland auszuarbeiten und im November öffentlich zur Diskussion zu stellen.“ Das sollten Sie ruhig zweimal lesen. Nach dieser Pressemitteilung blieb also noch viel Zeit. Das Gesetz musste ausgearbeitet werden (wenn es schnell geht, zwei Wochen), es sollte diskutiert werden (vier Wochen) und dann musste es verabschiedet werden (das kann dauern).
„Von Ratschlägen aus Bonn an die DDR, [...] sollte man absehen. Das erklärte der FDP-Vorsitzende Otto Graf Lambsdorff gestern nach einer Präsidiumssitzung seiner Partei. Gewisse Ratschläge seien in der gegenwärtigen Situation weder erbeten noch nützlich. [...] Unter Anspielung auf Wiedervereinigungsforderungen in der BRD sagte Lambsdorff: »Wir haben arge Zweifel, daß die Mehrheit der Bürger der DDR morgen das 12. Bundesland der Bundesrepublik Deutschland sein wollen. Es gebe viele, die auf den Staat und das, was sie unter so schwierigen Umständen erreicht haben, auch stolz seien.«“ Ach was? Jetzt auf einmal. Das fiel ihm aber auf jeden Fall zu spät ein. Das wollte in der „D.D.R.“ zu der Zeit dann wirklich kaum noch jemand wissen.
Und sein Parteifreund „Der stellvertretende FDP-Vorsitzende Ronneburger hat sich für offizielle Kontakte von BRD-Bundestag und DDR-Volkskammer eingesetzt.“ Dafür hatten bei Erichs Besuch in der alten Heimat 1987 auch schon Hans-Jochen Vogel von der SPD und Philipp Jenninger von der CDU eingesetzt. Alle haben sich für die Aufnahme offizieller Kontakte zwischen Volkskammer und Bundestag eingesetzt. Unterdessen wurde munter weitergebaut an der neuen Vertretung der Bundesrepublik Deutschland in der Deutschen Demokratischen Republik in Berlin-Pankow.
„BRD-Bundeskanzler Helmut Kohl erklärte gestern [am 24. Oktober], daß er die Absicht habe, schon in kurzer Zeit einen direkten Telefonkontakt mit Egon Krenz zu nutzen. Er denke auch daran, durch einen Beauftragten den Kontakt weiter zu vertiefen. Wenn es beiden nützlich erscheint, könnte es auch zu einem Treffen kommen.“ Wie kam die FAZ nur darauf, dass es vor diesem Telefonat vom 26. schon eines gegeben hatte?
„Günter Schabowski gestern abend live im BRD-Fernsehen“ Das war am 25. Oktober. „Schabowski wiederholte diesbezüglich, jeder Bürger werde einen Reisepaß erhalten und unter Berücksichtigung entsprechender Visabestimmungen in jedes Land der Erde fahren können.“
Am 25. Oktober berichtete die New York Times unter der Überschrift „Possibility of a Reunited Germany Is No Cause for Alarm, Bush Says“ über ein Interview mit George Bush: „Ein entspannter, gutgelaunter Präsident habe zu den privat geäußerten Sorgen von Frau Thatcher und Präsident Mitterrand festgestellt: »Es werde viel über die Furcht vor der Wiedervereinigung geschrieben, die er persönlich nicht teile.«“
„BRD-Bundeskanzler Helmut Kohl beharrt weiter auf der Obhutspflicht der BRD für alle Deutschen und lehnt eine Respektierung der DDR-Staatsbürgerschaft ab. In einer Rede vor dem Deutschen Industrie- und Handelstag in Bonn erklärte Kohl gestern [am 25. Oktober]: »Mit mir wird es eine Abkehr von der einheitlichen deutschen Staatsbürgerschaft nicht geben.«“ Dieses, genau dieses Zitat wollte ich lange Zeit einfach ignorieren, weil ich es für eine leere Sprechblase hielt. Erst nachdem ich durch die Lektüre eines weiteren Buches des Historikers Heinrich August Winkler auf den Umstand stieß, dass SPD und CDU in der Brandt-Ära ihre politischen Rollen vertauscht haben, leuchtete mir ein, dass Helmut Kohl gar keine andere Wahl hatte, als bis zum Ende auf seiner einheitlichen deutschen Staatsbürgerschaft herumzureiten, bis aus Spaß auf einmal bitterer Ernst wurde. Oder hätte er in dieser Situation, die sich von der Situation im Jahr 1961 nun sehr deutlich unterschied, auch, wie seinerzeit Adenauer, dem amerikanischen Präsidenten sagen sollen, dass er keinen Wert legte auf die Überwindung der Teilung Europas?
Helmut Kohl will öfter mal mit Egon Krenz sprechen
Am 26. Oktober 1989 kam es nun morgens um halb neun zum dem nach Helmut Kohl ersten Telefonat zwischen ihm und seinem neuen Statthalter Egon Krenz. Es dauerte seine zwanzig Minuten, obwohl es immer heißt, dass sich Männer am Telefon nicht viel zu sagen hätten. „»Also«, spricht der Kanzler, »mein erster Wunsch ist, dass wir regelmäßig miteinander telefonieren.« Krenz: »Das ist eine gute Idee. Miteinander reden ist immer besser als übereinander reden.« Kohl: »Es ist inzwischen möglich, dass ich, um einmal ein Beispiel zu nennen, ganz selbstverständlich zum Telefonhörer greife und den Generalsekretär in Moskau anrufe oder umgekehrt. Und das wünsche ich mir auch, dass das zwischen uns geschieht.« Krenz: »Also abgemacht, Herr Bundeskanzler.« […] Wenig später steuert Krenz vorsichtig das Thema der Finanzen an. […] Das geplante Reisegesetz, lässt der Generalsekretär durchblicken, bedeute für die DDR »erhebliche zusätzliche ökonomische Belastungen.« Die Ständige Vertretung in Ost-Berlin hat der Bonner Regierung bereits vor Tagen signalisiert, das neue Reiserecht sei nur dann durchsetzbar, wenn die Bundesrepublik sich an der Finanzierung beteilige – mit 20 Milliarden Mark. […] Als der Bittsteller den Hörer auflegt, hat er begriffen: »Die Bonner wollen Zeit gewinnen.« Krenz notiert: »Den schwarzen Peter, vor allem bei den zusätzlichen Kosten für den Reiseverkehr, soll die DDR behalten.«“
Die Berliner Zeitung schrieb, dass Egon Krenz auch in diesem Gespräch, wie schon sein Vorgänger unter anderen in einem Telefonat 1977 mit Helmut Schmidt anmahnte, die Grundlage für die Gewährung einer geordneten Reisefreiheit zu schaffen: „Seitens der BRD möge überdacht werden, wie einige praktische Fragen so gehandhabt werden können, daß die Respektierung der Staatsbürgerschaft der DDR deutlich werde.“
Geschichte wird gemacht – Deutsche und Polen
Inzwischen bereitete sich Helmut Kohl auf seinen historischen Staatsbesuch in der Republik Polen vor. Er wollte ja immer in die Geschichtsbücher als der große Aussöhner mit den Polen eingehen. Sie erinnern sich doch, „daß der damalige Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz bereits 1970 bei einem guten Glas Pfälzer Wein im Keller der Mainzer Staatskanzlei daran dachte, eine öffentliche Erklärung abzugeben, daß die Bundesrepublik die Oder-Neiße-Linie anerkennen sollte.“ Er hoffte, das „würde der Beginn einer Aussöhnung zwischen Deutschen und Polen sein, wie Adenauer sie mit Frankreich erreicht hatte“. Damals war er ja von „prominenten Parteifreunden“ an der Umsetzung seiner gut gemeinten Idee gehindert worden.
„Als »sehr positiv« begrüße Polen die jüngsten Äußerungen von BRD-Bundeskanzler Helmut Kohl über die Unantastbarkeit der polnischen Westgrenzen, erklärte Außenministersprecher Stefan Staniszewski gestern vor der Presse in Warschau. Die Zusicherung des Kanzlers, die BRD erhebe keine Gebietsansprüche gegenüber Polen und habe dies auch in Zukunft nicht vor, betrachte man als grundsätzlich.“ Was blieb den Polen auch anderes übrig, als zu hoffen, das sei grundsätzlich gemeint gewesen. Sein Grundgesetz mit den Grenzen von irgendwann früher ließ der Kanzler ja nicht ändern.
Der Generalleutnant der Staatssicherheit, Alfred Kleine, der in der Hauptabteilung XVIII beschäftigt war, notierte am 27. Oktober 1989, dass die DDR-Wirtschaft zu jenem Zeitpunkt einen „dringenden Investitionsbedarf von ca. 500 Milliarden Mark [der DDR], oder anders ausgedrückt, der Höhe von zwei jährlichen Nationaleinkommen“ hatte.
Egon Krenz droht Walter Momper mit der Grenzöffnung
Schon in den Äußerungen nach den Gesprächen von Egon Krenz mit dem Vorsitzenden der Konferenz der Evangelischen Kirchenleitungen in der DDR, Bischof Dr. Leich, und mit Wolfgang Mischnick aus Bonn, sowie in Zeitungsartikeln war klar geworden, dass sich die neue Staatsführung unter Egon Krenz nunmehr energisch darum bemühte, eine zivilisierte und geordnete Öffnung der innerdeutschen Grenze zu organisieren. Den Spekulationen, ob man nun die Grenze absichtlich oder versehentlich Anfang November aufgemacht habe, wird letztlich auch mit dieser Information ein Ende gesetzt: „Den Walter [Momper, Regierender Bürgermeister von West-Berlin] trifft die Weltsensation [der Maueröffnung] nicht gänzlich unvorbereitet. Am 29. Oktober hat er seinen Ost-Berliner Kollegen Erhard Krack nebst SED-Sekretär Schabowski bei einem Gespräch im Palasthotel [in Ost-Berlin] kennen gelernt. Am Ende der Unterredung eröffnete Schabowski ihm, wie Momper fand, ziemlich unvermittelt: »Übrigens – wir werden Reisefreiheit geben.« Was er denn damit meine, fragte Momper. »Richtige Reisefreiheit«, versicherte Schabowski: »Jeder DDR-Bürger kann reisen, wohin er will. Er kann die DDR auch auf Dauer verlassen.«“ Die eckigen Klammern sind fast überall im Buch von mir eingefügt worden, wenn sie nicht im Original bereits so verwendet worden waren.
Wenn der Regierende Bürgermeister von West-Berlin rechtzeitig informiert wurde, dann hat es auch Bonn nicht gänzlich unvorbereitet überrascht. Ich werde mir nicht weismachen lassen, dass Momper, nicht umgehend seine SPD-Zentrale in Bonn alarmiert hat. „Die Zeithistoriker sind sich heute einig: Der Fall der Mauer wurde weder von Schabowski verkündet, noch war er von der DDR-Führung so gewollt. Aber nicht nur sie, auch die Politiker und Regierungsapparate in Bonn, in Moskau und Washington, in London und Paris wurden von der Öffnung der bis dahin scharf bewachten Staatsgrenze überrascht.” Es ist natürlich sehr schön, wenn sich Historiker, die Publizisten, die Journalisten und Politiker seit 1945 einig waren, dass sie einen Teil der Deutschen in eine lichte Zukunft zu führen gedachten. Aber das ist das Wesensmerkmal von Verschwörungen. Die Verschwörer müssen sich schon einig sein. Wer da aussteigen will und wenigstens ein bisschen Aufsehen erregen will, der macht das dann gleich aus dem Flugzeug. Und Sie werden staunen, bei welchen Aktenzeichen XY sich auch alle einig sind.
Egon Krenz sagte später während des Prozesses wegen der an der sogenannten innerdeutschen Grenze getöteten Menschen: „Die Grenzöffnung verlangte in den entscheidenden Stunden und Minuten des 9. November 1989 entgegen der Besserwisserei von Kommentatoren auf den sicheren Bänken nachträglicher Geschichtsbetrachtung eine sehr komplizierte und sofortige Gewissensentscheidung.“
Die Plankommission hat noch keine Parteiführung gefunden
Der Leiter der Staatlichen Plankommission der DDR, Gerhard Schürer, übergab am 30. Oktober dem Politbüro die angeforderte ökonomische Analyse. In einem Interview mit dem FOCUS sagte er zehn Jahre danach: „Egon Krenz wollte von mir ein ungeschminktes Bild der ökonomischen Lage. [...] Wir hatten vorher nur keine Parteiführung gefunden, die darüber informiert werden wollte.“ Die Schuldendienstrate, die 25% vernünftigerweise nicht übersteigen sollte, lag 1989 bei 150%. Nur gut, dass Karl Marx das nicht mehr erlebt hat.
Wieso ist eigentlich bei 100% nicht Schluss? Das muss einem doch mal einer erklären! „Bei der Einschätzung der Kreditwürdigkeit eines Landes wird international davon ausgegangen, daß die Schuldendienstrate - das Verhältnis von Export zu den im gleichen Jahr fälligen Kreditrückzahlungen und Zinsen - nicht mehr als 25% betragen sollte. Damit sollen 75% der Exporte für die Bezahlung von Importen und sonstigen Ausgaben zur Verfügung stehen. Die DDR hat, bezogen auf den NSW-Export, [Exporte in das nichtsozialistische Wirtschaftsgebiet] 1989 eine Schuldendienstrate von 150%. Die Lage in der Zahlungsbilanz wird sich nach dem erreichten Arbeitsstand zum Entwurf des Planes 1990 weiter verschärfen. Der "Sockel" wird bei einem NSW-Exportüberschuß von 0,3 - 0,5 Mrd. VM auf ca. 57 Mrd. VM [Valutamark] Ende 1990 ansteigen. Die Kosten und Zinsen betragen 1990 insgesamt über 8 Mrd. VM. Wenn der Anstieg des "Sockels" verhindert werden soll, müßte 1990 ein Inlandsprodukt von 30 Mrd. M aufgewendet werden, was dem geplanten Zuwachs des Nationaleinkommens von 3 Jahren entspricht und eine Reduzierung der Konsumtion um 25 - 30% erfordert.“
Vielleicht sage ich es noch anders. Egal wie groß nun der nominelle Betrag ist, der mit 100% der im Land produzierten Waren und Dienstleistungen angesetzt wird, sollen 25% von dieser Größe für die fälligen Kreditrückzahlungen und die dazugehörigen Zinsen aufgewendet werden. 75% sollen jedoch für die Bezahlung von Importen und sonstige Ausgaben zur Verfügung stehen. Wenn die Schuldendienstrate die 100% überstiegen hat, stand KEIN Geld mehr für jedwede Investition zur Verfügung. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass in dieser Lage tatsächlich die fälligen Summen in der korrekten Höhe an die Kreditgeber gezahlt worden sind. Es ist ein Witz, wenn Helmut Kohl Ende November 1989 der neuen Regierung dann plötzlich gar kein Geld mehr geben wollte, und das begründete mit den vernünftigen Worten: „Wir wollen nicht unhaltbar gewordene Zustände stabilisieren.“ Das ist genau das, was er seit 1983 gemacht hat. Der ökonomische Unfug wäre 1983 kollabiert und dann hätte man sich wie später auch mit den Alliierten an einen Tisch setzen müssen, die Grenzen anerkennen und es wäre zusammengelegt worden, was zusammengehört. Moskau war letztlich nicht in der Lage, der DDR Kredite zu gewähren.
Über Gerhard Schürers Bericht zur ökonomischen Lage seiner Landsleute ließ der Herr Bundeskanzler Kohl schreiben: „Um nur den weiteren Anstieg der Verschuldung im Jahre 1990 zu stoppen, heißt es in dem Bericht weiter, müsse der Lebensstandard sofort um fünfundzwanzig bis dreißig Prozent gesenkt werden, womit jedoch die DDR »unregierbar« würde.“
In besagtem Interview sagte Gerhard Schürer: „Der Lebensstandard der DDR-Bevölkerung hätte um 30 Prozent gesenkt werden müssen. Das hätte eine Verdreifachung der Mieten und eine massive Erhöhung der Energiepreise bedeutet. Auch ein Straßenbahnfahrt für 20 Pfennige wäre nicht mehr drin gewesen. Aber das hätte einen Aufstand gegeben.
FOCUS: Also hatte die DDR 1989 wirtschaftlich praktisch keine Überlebenschance?
Schürer: Nein, unsere Nettoverschuldung von 25 Milliarden West-Mark hätten wir auf Dauer nicht bedienen können.
FOCUS: Warum hat vor 1989 niemand im DDR-Machtzentrum diese Verschuldung kritisiert?
Schürer: Tja . . . Jedes Jahr, wenn ich diese Verschuldungsfrage vorgetragen habe, hat das Politbüro mich aufgefordert, kurzfristig vorzulegen, wie die Schulden halbiert werden können.
FOCUS: Und was haben Sie dann vorgeschlagen?
Schürer: Die Preise drastisch zu erhöhen, die Subventionen abzuschaffen, der Armee und der Stasi die Mittel zu kürzen. Aber das wäre ins Mark gegangen, deshalb konnte Honecker nicht zustimmen. Das war wie der Ruf bei den Römern – Karthago muss zerstört werden – nur mit dem Unterschied, dass Karthago nach dem 3. Punischen Krieg zerstört war, während unsere Verschuldung immer weiter anstieg.
Focus: Warum haben westliche Wissenschaftler und Geheimdienste nicht den wahren, dramatischen Zustand der DDR-Wirtschaft begriffen?
Schürer: Wir haben uns auch gewundert, warum westliche Wissenschaftler mit Zahlen gearbeitet haben, von denen sie wissen mußten, daß sie nicht stimmen können.
FOCUS: Waren die Wessis naiv?
Schürer: Ein Teil war naiv, ein anderer hat vielleicht zwei Herren gedient. Es gab aber auch Wissenschaftler, die damals schon auf die wirkliche Lage der DDR hingewiesen haben.“
Ich vermute, ein Teil von ihnen hat Dem Herrn gedient. Und war naiv. Wie kann man im Radio immer wieder erzählen, dass die Marktwirtschaft der Planwirtschaft überlegen ist, was man ja im Osten hören konnte, und darauf hoffen, dass das im Osten nicht zu dem Wunsch führt, dass nun endlich auch hier die Marktwirtschaft eingeführt wird? Man muss sich ja förmlich darauf verlassen haben, dass die Deutschen einfach keine Revolution hinkriegen. Sie erinnern sich ja vielleicht an die Worte Walter Scheels.