wer wenn nicht wir
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Nov 6, 2006
10:23 PM
by gunter
Wer, wenn nicht wir?
Seit über dreißig Jahren leben wir nun schon mit der Krise. Viele von uns sind darin aufgewachsen und kennen gar nichts anderes mehr.
Die Krise hat viele Gesichter: Arbeitslosigkeit und zunehmende Arbeitshetze, Militäreinsätze in aller Welt und kein Geld für Bildung,
große Katastrophen und die tägliche schleichende Vergiftung unseres Planeten, Hunger im Süden und Nahrungsmittelexporte für die Schweine
des Nordens, Diktaturen und demokratische Überwachungsstaaten,.................................
All dies sind aber nicht voneinander unabhängige Probleme, sondern Symptome des Scheiterns zweier zentraler Institutionen der westlichen
Gesellschaften: Markt und Staat. Während der Markt in seiner illusionären Idealform nie existiert hat und auch nie existieren wird,
existiert der Staat zwar sehr wohl, jedoch zunehmend nicht mehr als der demokratische, als der er uns in der Schule präsentiert wurde.
Trotzdem sind diese beiden Institutionen so zentral für die Organisation von Herrschaft in den westlichen Gesellschaften,
dass ihre Beseitigung fast schon undenkbar geschweige denn machbar erscheint.
Immer noch starren Gewerkschaften, Parteien von links bis rechts, Vereine und NGOs, soziale Bewegungen und Wohlfahrtsverbände
auf den Staat wie das Kaninchen auf die Schlange und alle zusammen rennen dem Markt mit seiner Profit- und Konkurrenzlogik hinterher.
Aus diesem Grund werden auch Alternativen bisher meist im Rahmen von Staat (Sozialpolitik, Regulierung, andere Steuerpolitik, Reformen,)
und Markt (Biolandwirtschaft, sogenannter fairer Handel, Wettbewerbsfähigkeit des heimischen Standorts verbessern, Tobinsteuer,) gesucht.
Es gibt aber auch auf der ganzen Welt schon viele Menschen, die die Suche nach zeitgemäßen Alternativen aufgenommen haben.
Es geht ihnen bei ihrer Suche nicht um eine Variante des Kapitalismus, die erst ein paar Jahre später zum ökonomischen, ökologischen und
sozialen Kollaps führt. Es geht um eine soziale Expedition, die Markt und Staat weder braucht noch will. Diese Unabhängigkeit ist in erster Linie
praktisch zu erreichen durch eine Substitution der Funktionen von Markt und Staat, muss aber auch theoretisch klar sein,
um nicht die alten Fehler zu wiederholen.
Ökonomie:
Insofern die Basis allen Wirtschaftens das Decken von menschlichen Bedürfnissen ist, muss sich auch anderes Wirtschaften bzw. eine alternative
ökonomische Reproduktion zu allererst um die sichere Befriedigung der menschlichen Grundbedürfnisse kümmern. Hierzu gehören jedoch nicht nur
Essen, Trinken, Wohnen und Kleidung, sondern auch eine umfassende soziale Infrastruktur. Diese besteht aus vielen Formen von Sorgetätigkeit wie
Altenpflege, Kinderanleitung, Krankenunterstützung, Assistenz und Zuhören, Schutz und Hilfe, Aufbau und Pflege sozialer Netze,
sowie aus kreativer Tätigkeit, reproduktiver Tätigkeit.
Angestrebt wird darüber hinaus ein relativ hohes Maß an Selbstversorgung, also ökonomischer Unabhängigkeit, die allerdings offen bleiben kann
und soll für Austausch, wo dies sinnvoll und nötig ist. Klar ist auch, dass diese Ökonomie keine individualisierte sein kann, in der sich
einzelne Arbeitskraftunternehmer auf anonymen Märkten gegenübertreten, sondern dass an dessen Stelle verschiedene Formen gemeinsamer Ökonomie
treten müssen, die groß genug sind, um Synergieeffekte zu nutzen und klein genug bleiben, um Unübersichtlichkeit und damit Mißtrauen zu vermeiden.
Viele Probleme ökologischer Art, des Verhältnisses zwischen globalem Süden und Nordwesten, der Entfremdung und der Krisenanfälligkeit werden
hierdurch zwar nicht puristisch (?) aus der Welt geschafft, aber doch so erheblich reduziert, dass ein einfaches und gutes Leben erreicht werden
kann, das nicht auf Kosten anderer geht.
Soziale und politische Praxis:
Bei der angestrebten Wiederaneignung des Sozialen soll es nun nicht darum gehen alte Herrschaftsstrukturen durch neue (oder gar noch ältere)
zu ersetzen. Vielmehr soll durch ein hohes Maß an Selbstorganisation eine kollektive Autonomie erreicht werden, die Freiheit der Einzelnen mit
Handlungsfähigkeit der Gemeinschaft verbindet. Zentral hierfür ist das Prinzip der freien Kooperation, das besagt, dass Menschen nicht nur frei
sind, eingegangene Kooperationen wieder zu lösen, sondern dies auch unter annähernd gleichen und für beide vertretbaren Kosten tun können müssen.
So soll der Abbau von Herrschaftsstrukturen nicht durch die (gewaltsame) Abschaffung der sie stützenden Institutionen (oder den Marsch durch sie)
geschehen, sondern durch Nichtzusammenarbeit mit ihnen und das Praktizieren neuer Formen sozialer und politischer Praxis. Unabdingbar für das
Funktionieren dieses Konzepts ist die Transparenz sowohl in der Gruppe als auch nach außen; wo Konspiration und Expertenwissen zelebriert werden
sind neue Herrschaftsstrukturen nicht weit! Auch das grundsätzliche Infragestellen herrschender Normvorstellungen ist zentral, damit Herrschaft
nicht mit comon sense legitimiert werden kann. Weiterhin ergibt sich aus diesem Verständnis von sozialer und politischer Praxis, dass es nicht
um Vereinheitlichung, Korrektheit und Schlagkraft gehen kann, sondern um die Nutzung der kreativen Potentiale und der Attraktivität,
die ein vielfältiges und doch zusammengehöriges Projekt entwickeln kann.
Alltagspraxis:
Nach all diesen theoretischen Ansprüchen stellt sich natürlich die Frage nach der konkreten Umsetzung. Hier geht es in erster Linie darum, Wege
die schon gegangen wurden und nicht zum Ziel geführt haben, nicht ein weiteres mal mit viel Zeit- und Energieeinsatz abzulaufen. Insbesondere
wollen wir:
1.)kein unverbindliches Netzwerk von Ähnlichgesinnten, die sich über größere Regionen verteilen und sich auf einzelne Facetten des Lebens
beschränken, sondern einen konkreten Projektort, in dessen räumlicher Nähe die Beteiligten leben und überwiegend tätig sind.
2.)nicht total raus aufs Land, sondern in Stadtnähe bleiben (wenn auch natürlich nicht mitten in einer Großstadt, wo Selbstversorgung nichtmals
ansatzweise möglich ist).
3.)nicht mit einigen wenigen Leuten anfangen und dann nach Jahren feststellen, dass wir doch nicht so überzeugend sind, dass sich Scharen von
Neuen unserem bestehenden Mikroprojekt anschließen. Lieber wollen wir mehr Energie in die Vorbereitungszeit stecken und dann gleich mit
mehreren hundert Menschen starten. Dies hat für Gruppendynamik, Pluralität der dort möglichen Lebensentwürfe, Selbstversorgung und
Projektstabilität enorme Vorteile.
4.)Eine hohe kulturelle und soziale Vielfalt: durch Menschen verschiedener Altersgruppen, Herkünfte, Szenen, Beziehungsmodelle,
Berufsausbildungen, sexueller Vorlieben, sozialer Milieus, Wohnformen.... sind die Teilnehmer nicht auf einen Lebensentwurf festgelegt
("Karottenanbau") und werden auch von außen nicht so wahrgenommen (Latzhose und Wollpulli). Aufgrund der internen Differenzierungsmöglichkeiten
führt Verschiedenheit nicht automatisch zur Spaltung.
5.)Offenheit des Projekts: Ein- und Austritte sind möglich und gefährden nicht Identität oder gar Existenz des Projekts.
Ständige Weiterentwicklung:
Unsere gemeinsame soziale Expedition soll zwar wie anfangs gesagt eine zeitgemäße Alternative sein, die Unabhängigkeit von Markt und Staat
ermöglicht, jedoch gibt es hierfür mehr als einen Weg! In diesem Sinne verstehen wir das Projekt als ein Laboratorium, in dem viel
ausprobiert wird. Wir wollen uns jeder für sich und alle zusammen weiterentwickeln und sind uns bewußt, dass dieser kollektive Lernprozess
auch bei guter theoretischer Vorbereitung in der Praxis immer wieder an Grenzen stoßen wird, die nur gemeinsam überwunden werden können.
Deshalb ist es so wichtig mit vielen Menschen die ersten Schritte zu tun:
Wer, wenn nicht wir?
Wo, wenn nicht hier?
Wann, wenn nicht bald?
Seit über dreißig Jahren leben wir nun schon mit der Krise. Viele von uns sind darin aufgewachsen und kennen gar nichts anderes mehr.
Die Krise hat viele Gesichter: Arbeitslosigkeit und zunehmende Arbeitshetze, Militäreinsätze in aller Welt und kein Geld für Bildung,
große Katastrophen und die tägliche schleichende Vergiftung unseres Planeten, Hunger im Süden und Nahrungsmittelexporte für die Schweine
des Nordens, Diktaturen und demokratische Überwachungsstaaten,.................................
All dies sind aber nicht voneinander unabhängige Probleme, sondern Symptome des Scheiterns zweier zentraler Institutionen der westlichen
Gesellschaften: Markt und Staat. Während der Markt in seiner illusionären Idealform nie existiert hat und auch nie existieren wird,
existiert der Staat zwar sehr wohl, jedoch zunehmend nicht mehr als der demokratische, als der er uns in der Schule präsentiert wurde.
Trotzdem sind diese beiden Institutionen so zentral für die Organisation von Herrschaft in den westlichen Gesellschaften,
dass ihre Beseitigung fast schon undenkbar geschweige denn machbar erscheint.
Immer noch starren Gewerkschaften, Parteien von links bis rechts, Vereine und NGOs, soziale Bewegungen und Wohlfahrtsverbände
auf den Staat wie das Kaninchen auf die Schlange und alle zusammen rennen dem Markt mit seiner Profit- und Konkurrenzlogik hinterher.
Aus diesem Grund werden auch Alternativen bisher meist im Rahmen von Staat (Sozialpolitik, Regulierung, andere Steuerpolitik, Reformen,)
und Markt (Biolandwirtschaft, sogenannter fairer Handel, Wettbewerbsfähigkeit des heimischen Standorts verbessern, Tobinsteuer,) gesucht.
Es gibt aber auch auf der ganzen Welt schon viele Menschen, die die Suche nach zeitgemäßen Alternativen aufgenommen haben.
Es geht ihnen bei ihrer Suche nicht um eine Variante des Kapitalismus, die erst ein paar Jahre später zum ökonomischen, ökologischen und
sozialen Kollaps führt. Es geht um eine soziale Expedition, die Markt und Staat weder braucht noch will. Diese Unabhängigkeit ist in erster Linie
praktisch zu erreichen durch eine Substitution der Funktionen von Markt und Staat, muss aber auch theoretisch klar sein,
um nicht die alten Fehler zu wiederholen.
Ökonomie:
Insofern die Basis allen Wirtschaftens das Decken von menschlichen Bedürfnissen ist, muss sich auch anderes Wirtschaften bzw. eine alternative
ökonomische Reproduktion zu allererst um die sichere Befriedigung der menschlichen Grundbedürfnisse kümmern. Hierzu gehören jedoch nicht nur
Essen, Trinken, Wohnen und Kleidung, sondern auch eine umfassende soziale Infrastruktur. Diese besteht aus vielen Formen von Sorgetätigkeit wie
Altenpflege, Kinderanleitung, Krankenunterstützung, Assistenz und Zuhören, Schutz und Hilfe, Aufbau und Pflege sozialer Netze,
sowie aus kreativer Tätigkeit, reproduktiver Tätigkeit.
Angestrebt wird darüber hinaus ein relativ hohes Maß an Selbstversorgung, also ökonomischer Unabhängigkeit, die allerdings offen bleiben kann
und soll für Austausch, wo dies sinnvoll und nötig ist. Klar ist auch, dass diese Ökonomie keine individualisierte sein kann, in der sich
einzelne Arbeitskraftunternehmer auf anonymen Märkten gegenübertreten, sondern dass an dessen Stelle verschiedene Formen gemeinsamer Ökonomie
treten müssen, die groß genug sind, um Synergieeffekte zu nutzen und klein genug bleiben, um Unübersichtlichkeit und damit Mißtrauen zu vermeiden.
Viele Probleme ökologischer Art, des Verhältnisses zwischen globalem Süden und Nordwesten, der Entfremdung und der Krisenanfälligkeit werden
hierdurch zwar nicht puristisch (?) aus der Welt geschafft, aber doch so erheblich reduziert, dass ein einfaches und gutes Leben erreicht werden
kann, das nicht auf Kosten anderer geht.
Soziale und politische Praxis:
Bei der angestrebten Wiederaneignung des Sozialen soll es nun nicht darum gehen alte Herrschaftsstrukturen durch neue (oder gar noch ältere)
zu ersetzen. Vielmehr soll durch ein hohes Maß an Selbstorganisation eine kollektive Autonomie erreicht werden, die Freiheit der Einzelnen mit
Handlungsfähigkeit der Gemeinschaft verbindet. Zentral hierfür ist das Prinzip der freien Kooperation, das besagt, dass Menschen nicht nur frei
sind, eingegangene Kooperationen wieder zu lösen, sondern dies auch unter annähernd gleichen und für beide vertretbaren Kosten tun können müssen.
So soll der Abbau von Herrschaftsstrukturen nicht durch die (gewaltsame) Abschaffung der sie stützenden Institutionen (oder den Marsch durch sie)
geschehen, sondern durch Nichtzusammenarbeit mit ihnen und das Praktizieren neuer Formen sozialer und politischer Praxis. Unabdingbar für das
Funktionieren dieses Konzepts ist die Transparenz sowohl in der Gruppe als auch nach außen; wo Konspiration und Expertenwissen zelebriert werden
sind neue Herrschaftsstrukturen nicht weit! Auch das grundsätzliche Infragestellen herrschender Normvorstellungen ist zentral, damit Herrschaft
nicht mit comon sense legitimiert werden kann. Weiterhin ergibt sich aus diesem Verständnis von sozialer und politischer Praxis, dass es nicht
um Vereinheitlichung, Korrektheit und Schlagkraft gehen kann, sondern um die Nutzung der kreativen Potentiale und der Attraktivität,
die ein vielfältiges und doch zusammengehöriges Projekt entwickeln kann.
Alltagspraxis:
Nach all diesen theoretischen Ansprüchen stellt sich natürlich die Frage nach der konkreten Umsetzung. Hier geht es in erster Linie darum, Wege
die schon gegangen wurden und nicht zum Ziel geführt haben, nicht ein weiteres mal mit viel Zeit- und Energieeinsatz abzulaufen. Insbesondere
wollen wir:
1.)kein unverbindliches Netzwerk von Ähnlichgesinnten, die sich über größere Regionen verteilen und sich auf einzelne Facetten des Lebens
beschränken, sondern einen konkreten Projektort, in dessen räumlicher Nähe die Beteiligten leben und überwiegend tätig sind.
2.)nicht total raus aufs Land, sondern in Stadtnähe bleiben (wenn auch natürlich nicht mitten in einer Großstadt, wo Selbstversorgung nichtmals
ansatzweise möglich ist).
3.)nicht mit einigen wenigen Leuten anfangen und dann nach Jahren feststellen, dass wir doch nicht so überzeugend sind, dass sich Scharen von
Neuen unserem bestehenden Mikroprojekt anschließen. Lieber wollen wir mehr Energie in die Vorbereitungszeit stecken und dann gleich mit
mehreren hundert Menschen starten. Dies hat für Gruppendynamik, Pluralität der dort möglichen Lebensentwürfe, Selbstversorgung und
Projektstabilität enorme Vorteile.
4.)Eine hohe kulturelle und soziale Vielfalt: durch Menschen verschiedener Altersgruppen, Herkünfte, Szenen, Beziehungsmodelle,
Berufsausbildungen, sexueller Vorlieben, sozialer Milieus, Wohnformen.... sind die Teilnehmer nicht auf einen Lebensentwurf festgelegt
("Karottenanbau") und werden auch von außen nicht so wahrgenommen (Latzhose und Wollpulli). Aufgrund der internen Differenzierungsmöglichkeiten
führt Verschiedenheit nicht automatisch zur Spaltung.
5.)Offenheit des Projekts: Ein- und Austritte sind möglich und gefährden nicht Identität oder gar Existenz des Projekts.
Ständige Weiterentwicklung:
Unsere gemeinsame soziale Expedition soll zwar wie anfangs gesagt eine zeitgemäße Alternative sein, die Unabhängigkeit von Markt und Staat
ermöglicht, jedoch gibt es hierfür mehr als einen Weg! In diesem Sinne verstehen wir das Projekt als ein Laboratorium, in dem viel
ausprobiert wird. Wir wollen uns jeder für sich und alle zusammen weiterentwickeln und sind uns bewußt, dass dieser kollektive Lernprozess
auch bei guter theoretischer Vorbereitung in der Praxis immer wieder an Grenzen stoßen wird, die nur gemeinsam überwunden werden können.
Deshalb ist es so wichtig mit vielen Menschen die ersten Schritte zu tun:
Wer, wenn nicht wir?
Wo, wenn nicht hier?
Wann, wenn nicht bald?